Lass die Seele sprechen – nicht das Ego!


Der Buchmarkt ist überschwemmt von Lebensratgebern und biografischen Selbstbetrachtungen. Verlage und Autorenverbände beklagen mehr und mehr, dass es – trotz eines ständig größer werdenden Buchmarktes - immer weniger Schriftsteller zu geben scheint, die sich wirklich darauf verstehen, eine gute Geschichte zu erzählen.
Was mag der Grund sein? Ist die Schriftstellerei – wie alle Arten der Kunst – denn nicht auch ein Spiegel unserer Gesellschaft? Und bewegt sich nicht alle Kunst auf dem schmalen Grat zwischen Selbstdarstellung und Empathie, dem Einfühlen in die Welt mit all ihren zeitqualitativen Erscheinungsformen?
Erkennen wir in diesem Trend nicht auch die grundlegenden Tendenzen der heutigen Zeit, die wir doch alle so gerne beklagen: Egoismus, Selbstzentriertheit, mangelndes Wir-Gefühl und eine ausufernde Beschäftigung mit uns selbst?
Genau wie unsere häufig schon suchtartige Präsentation mittels mehr oder weniger gelungener Selfies und regelmäßigen Statements zu unserem Lifestyle in sozialen Medien, so zeigt auch diese Entwicklung auf dem Buchmarkt eine kollektiv verbreitete, unleugbare und stetig ansteigende Sehnsucht von Menschen nach Beachtung, Anerkennung und dem öffentlichen Zurschaustellen des persönlich Erlebten.

Zweifellos hat biografisches Schreiben eine psychologische Wirkung für den Autor selbst. Es zeigt, von einem therapeutischen Blickwinkel aus betrachtet, unstrittig heilsame Effekte, weil es hilft, die Vergangenheit zu reflektieren und Erlebtes aufzuarbeiten.  

Eines jedoch sind all diese mehr oder weniger selbstreflektierten  Beschreibungen des eigenen Erlebens mit Sicherheit nicht: Literatur!

Biografisches Schreiben beschäftigt sich ausschließlich mit dem eigenen Erleben, der eigenen Lebensproblematik, den eigenen Krisen, dem eigenen erlittenen Leid. Dieses „Sich-etwas-vom-Herzen-schreiben“ mag – wie gesagt – für viele ein wichtiger und sinnvoller therapeutischer Schritt sein.
Genauso mag es sich mit dem Schreiben von Lebensratgebern verhalten – wobei das eine oft auf dem anderen gründet. Viele Autoren, die ihren Einstieg ins Buchgeschäft über die Reflexion des eigenen Erlebens fanden, betätigen sich in der Folge schon bald mit Ratschlägen für die Allgemeinheit.

Beides hat jedoch nichts oder nur sehr bedingt mit der Arbeit eines Schriftstellers zu tun.
Das Erzählen und Schreiben von fiktiven Geschichten führt uns weg von den subjektiven Betrachtungen dessen, was wir erlebt haben. Jegliche Beschäftigung mit der eigenen Befindlichkeit ist hier kontraproduktiv, sie verhindert den Fluss einer Geschichte. Wer Geschichten erzählen will, muss sich in Selbst-Vergessenheit üben.
Schreiben wir, um unserer Erfahrungen zu reflektieren, tun wir das immer durch den Filter unserer eigenen, subjektiven Vorstellung. Der Vorstellung dessen, wie wir die Welt aus unserer Perspektive betrachten, der Vorstellung davon, wie wir die verschiedenen Protagonisten unserer sozialen Systeme, in denen wir uns bewegen – von den Herkunftsfamilien bis hin zu kollegialen oder gesellschaftlichen Verbänden – wahrnehmen und nicht zuletzt der Vorstellung davon, welche Rolle wir selbst in dieser Schilderung spielen wollen. Wie wollen wir, dass der Leser uns sieht?

Im Gegensatz dazu führt uns das Erzählen und Schreiben von fiktiven Geschichten weg von all diesen subjektiven Betrachtungen. Begeben wir uns auf die Pfade der Fantasie, wagen wir uns auf die Wege des Möglichen, ohne selbst darin eine bestimmte Rolle anzustreben, können wir jeglichen Vorsatz, jeglichen Versuch der Manipulation fallen lassen. Wir bedürfen keines Mitleides, keiner Bewunderung und keines Trostes mehr. Es geht nicht um den Schreiber – es geht um die Story.
Wir bewegen uns ohne Absicht und ohne das Bedürfnis, selbst einen Part innerhalb des Geschehens einzunehmen. Wir schlüpfen in die Rolle des Abenteurers, des Schurken, des Liebenden, des Mörders, des Lügners und des Diebes – ohne um unser eigenes Image fürchten zu müssen. Das Spiel mit verschiedenen Masken bewirkt also, dass wir unsere eigenen Masken fallen lassen können. Geschichten erzählen heißt sich einzulassen auf die Fülle der Möglichkeiten, es bedeutet den Verzicht auf jegliches persönliche Bedürfnis nach Interpretation, Gerechtigkeit, Perfektion und Selbstdarstellung. Geschichtenerzähler moralisieren und bewerten nicht – sie beschreiben – über das Spiel mit den Möglichkeiten - die Welt, wie sie ist, in all ihren Unzulänglichkeiten, in all ihrer Tragik, in all ihren Dramen.  
Geschichten erinnern uns an unsere Fähigkeit, das Leben anzunehmen, es auszukosten mit all seinen Höhen und Tiefen. Und ihre Helden sind meist nicht die Fehlerlosen, die Unschuldigen und die Gerechten, es sind die Gebrochenen, Zerrütteten, die, die selbst am Leben scheitern.

Fiktives Schreiben erfordert demnach nicht nur ein Maß an Fantasie, es bedingt Empathie. Genau die Fähigkeit, uns in einen Protagonisten, eine Sache oder ein Geschehen – in etwas „Anderes“ also - hineinfühlen zu können. Dies ist nur dann möglich, wenn wir unsere persönlichen Bedürfnisse und subjektiven Empfindungen für den Prozess des Schreibens ausklammern.

Und genau das macht einen Geschichtenerzähler, einen Schriftsteller aus: Dass er in der Lage ist, sich auf diese verwinkelten Pfade der Fantasie zu begeben, auf denen die Rollen von Opfer und Täter nicht immer klar getrennt sind, auf denen der Wunsch danach, der Welt eine von mir gewählte Facette meines Seins zu präsentieren, nicht im Vordergrund steht. Fiktives Schreiben erfordert Selbst-Vergessenheit, nicht Selbstzentriertheit. Es bedarf nicht der Masken des Selbstschutzes und es hegt keine Absicht.
Denn erst in dieser Absichtslosigkeit kann und wird sich die Seele des Schriftstellers offenbaren. Er schreibt sich selbst in seine Geschichten hinein. Aber völlig frei und unbewusst, ohne Pflege des eigenen Images, ohne moralischen Dogmen, nicht geleitet von Wünschen  - nach Schuldeingeständnissen, nach Heilung, nach Anerkennung, nach Trost und auch nicht davon, aus dem eigenen erlittenen Traumata heraus, selbst die Welt retten zu müssen (so verständlich all diese Wünsche auch sind).
Geschichten und Erzählungen heilen nicht durch Vorsatz und Moral. Sie belehren nicht und sie versprechen keine Heilung.
Im besten Falle aber heilen sie, weil sie etwas in uns „zum Klingen“ bringen, weil sie etwas ansprechen, mit dem unser eigenes Er-Leben korrespondiert, ohne dass sich darauf unser Wollen konzentriert.
Um zu dieser grundlegend heilenden Kraft von Geschichten zu finden, benötigen sie Absichtslosigkeit und Selbst-Vergessenheit.
Geschichtenerzähler können dies, weil sie nicht aus einer Bedürftigkeit heraus agieren. Sie nutzen ihr Gespür für archetypische Muster und bedienen sich aus dem Fundus ihrer eigenen Vorstellungen ebenso, wie aus dem unermesslichen Schatz der kollektiven Erfahrungen.
Durch diese Kunst werfen sie Licht auf die verborgensten Winkel unseres Seins und lassen sie in Erscheinung treten, lebendig werden, ohne vorherige Interpretation und ohne vorsätzliche moralische Bewertung. Gute Geschichten brauchen Absichtslosigkeit und Selbst-Vergessenheit, um sich zu offenbaren: ehrlich und nackt.